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Die philosophische Analyse von aus-mit-als

Das wache gegenwärtige Ichbewusstsein ist eine Gemeinschaftsqualität neurobiologischer Prozesse. Die Qualität entsteht, weil sich die Teile der Gemeinschaft in dieser Qualität wiederfinden wollen. Die Qualität ist sozusagen ein unverabredeter Treffpunkt, der immer wieder neu zustande kommt und die Gemeinschaft in einer Gegenwart zentriert. Wie ein Lichtfokus, der weiter wandert und dabei alles in diesem Fokus beisammen hält, das in diesem Licht bleiben will. Die Gegenwartsempfindung ist so die höchste Qualität der aufeinander zuarbeitenden neurobiologischen Prozesse. Aus der Gegenwart fließt der Gemeinschaft dieser Prozesse Gemeinschaftsqualität zu.

Da das wache gegenwärtige Ichbewusstsein transitiv ist (ständig im Übergang befindlich), muss es in seinen Eigenschaften denen von Raum und Zeit entsprechen. Ein waches gegenwärtiges Ichbewusstsein ist ohne festen Bezug zu Raum und Zeit weder wach noch gegenwärtig. Wachheit und Gegenwärtigkeit sind in Kongruenz mit Zeit und Raum. Man kann formulieren: Das wache gegenwärtige Ichbewusstsein trägt die Eigenschaften von Raum und Zeit.

Die Zeit hat einen Fluss und der Raum hat Koordinaten. Die Zeit bewegt und im Raum gibt es Orte, bzw. Identitäten und deren Verortungen zueinander. Zeit und Raum haben ein Verhältnis zueinander. Das ist die Raumzeit. Es gibt verschiedene Raumzeiten. In einigen Raumzeiten ist fast alles immer wieder neu, bis auf kleinste Identitäten, die aber auch wieder transitiv sind. Eine Raumzeit, in der alles ständig neu ist, existiert nicht. Die Raumzeit entsteht in dem Moment wo es auch Identitäten gibt. Die Raumzeit ist das Ergebnis der Identität. Jede Identität ist, genauso wie das wache gegenwärtige Ichbewusstsein, transitiv. Jede Identität befindet sich in einem Übergang. Es gibt keinen Stillstand. So wie es in einer Bewegung keinen Stillstand gibt, sondern immer ständig ein Fortschreiten in Raum und Zeit. Man kann sich die Bewegung mikroskopisch anschauen. In jedem noch so kleinen Abschnitt wird es eine Bewegung, das heißt ein Fortschreiten in Raum und Zeit geben. Es gibt Identitäten ohne Transitivität, weil sie am absoluten Nullpunkt eingeschlossen sind, aber auch ein Einschluss wird nicht ewig existieren.

Eine Identität ist also etwas Besonderes. Sie befindet sich selbst auch im Übergang, aber im Übergang zu sich selbst. Das Erleben, jemand zu sein, ist auch so eine Identität im Übergang zu sich selbst. Dieses Erleben ist, wie jede Identität, in Kongruenz mit seiner Raumzeit. Es trägt die Eigenschaften von Raum und Zeit. Oder umgekehrt: Die Raumzeit des Icherlebens ist eine Abbildung seiner Identitätseigenschaften.

Die Identitätseigenschaften, d.h. die Eigenschaften der Transitivität (der Übergänglichkeit) des wachen gegenwärtigen Icherlebens sind die Rückbindung an das, was vorher war, die Einbindung einer Vielheit zu einer Einheit (Homogenität) und das Empfinden dieser Kontinuität und Homogenität zusammen als Qualität. Diese Qualität, die über die Erfüllung der Identitätseigenschaften zustande kommt, wird als spezifische Raumzeit empfunden. Das, was empfunden wird, ist das wache, gegenwärtige und dreieinige Icherleben, das Gegenwartsempfinden. Kontinuität und Homogenität bei gleichzeitiger Qualität ergeben die Dreieinigkeit.

Kommt zum Gegenwartsempfinden ein aktives Element hinzu, wenn, entsprechend den Qualitätserwartungen, Kontinuität und Homogenität aktiv hergestellt werden, dann erhalten wir das Gegenwartsempfinden eines freien schöpferischen Ichs.

Die Bestätigung und Bekräftigung seiner Gemeinschaft, dessen Qualität es ist, verschafft dem Ich den Status, selbst das Agens zu sein, das dies alles in einer Raumzeit zusammenbringt, dass es ausschließlich alleine und exklusiv in seiner persönlichen Gegenwart lebt. Die Dreieinigkeit ist ein Raum (genauer: eine Raumzeit), die jeder Mensch exklusiv alleine bewohnt. Dies ist eines der entscheidenden konstitutionellen Merkmale für die Personhaftigkeit. Die Personhaftigkeit kann zusammenbrechen, wenn die Dreieinigkeit insgesamt oder in Teilen unvollständig informiert ist.

Selbst eine Raumzeit zu schaffen. Das ist das Besondere der Identität des menschlichen Gegenwartsbewusstseins. Das Empfinden dieser Raumzeit ist deren Erschaffung. Der Moment des immer wieder neuen Icherlebens ist das Empfinden seiner Raumzeit. Oder umgekehrt: Die Raumzeit des Icherlebens ist das Empfinden der Kongruenz von Existenzherkunft, Gemeinschaft und Qualität.

Dies führt nicht nur zu einem ausgeglichenen glücklichen Leben. Die gleichen Mechanismen, die zum Glück führen, können auch perseverierende Aufprägungen hervorbringen, die auf Existenzbedrohungen reagiert haben und diese weiterführen.

Dreieinigkeit = aus – mit – als

Dreieinigkeit = „aus-mit-als“

Wir als bewusste Personen empfinden uns als Einheiten in der Vielheit. Dieses Verhältnis erleben wir bereits in unserem eigenen Selbst. Gedanken und Körpersignale sind umfassender als das Fassungsvermögen unseres Bewusstseinsfokus. Desweiteren ist es die Vielheit der belebten und unbelebten Umgebung unserer Person, von der wir uns abgegrenzt erleben oder gleichzeitig abgegrenzt und identifiziert sind. Die Vielheit unseres Wissensuniversums ist zusätzlich in das alles kognitiv komplex eingewoben. Eine Grenze zwischen unserem wachen, gegenwärtigen Icherleben und unserer Mitwelt ist nicht zu benennen, weil sie fließend ist. Das Erleben des Menschen, seine Körperlichkeit, seine soziale und dingliche Umgebung und sein Wissensuniversum bilden in einem dynamischen Komplex ein Amalgam, in dem das Selbst dynamisch eine Gestalt annimmt. Innerhalb des Selbst erleben wir uns als waches, gegenwärtiges Ich. Das Selbst ist die Gesamtheit unserer Empfindungen, die wir als „wir selbst“ empfinden würden, wären wir in der Lage, unser Selbst in einer ungeteilten bewussten Empfindung als Einheit zu empfinden. Das Selbst ist der Raum, in dem die Instanz lebt, die sowohl bewusst wie unbewusst ist. Wäre diese Instanz nur bewusst, wäre sie identisch mit dem Selbst. Wir als teilbewusste Personen empfinden uns fließend innerhalb des Selbst, welches wiederum fließend zur Mitwelt abgegrenzt ist, als Einheiten in der Vielheit.

Wir kommen täglich aus einer Sphäre, die wir nicht einsehen und nicht verstehen können. Unser Selbst erwacht am Morgen nach dem Schlaf in etwas hinein, das weit über uns hinaus geht. Das, was uns im Folgenden stützt und sein lässt, ist dem wachen Wollen unseres Alltags unzugänglich. Der unwillkürliche Apparat der Ausführung steht uns, wenn wir gesund sind, in dem Moment, in dem wir Wollen schon zur Verfügung. Das schöpferische Bewusstsein wähnt sich als Meister, aber eine andere Form der schöpferischen Intelligenz ist immer schon da und macht die Leistungen möglich, ganz diskret und ohne Einforderung einer Mitautorenschaft.

Auch unsere physische und psychische Geburt am Anfang unseres Lebens findet ohne unser personifiziertes schöpferisch intelligentes Bewusstsein statt. Unser Leben ist von der Empfängnis an Bewusstsein, aber das ist zuerst ein Bewusstsein anderer Art, ein Bewusstsein des Lebenskontextes. Das Ich-Bewusstsein, das in den ersten Lebensjahren erwacht, ist noch besonders vom Lebenskontext geprägt. Die Lebensprozesse und die Prozesse der Krisenbewältigung nehmen einen großen Teil ein. Kleine Kinder wissen um ihre Abhängigkeit.

Wenn mit dem Abschluss unserer physischen Reifung unsere Existenz vollzogen ist, ist das ein Triumph. Unser schöpferisch intelligentes Ich-Bewusstsein triumphiert dann auch über seinen Lebenskontext. Dies ist eine kritische Zeit des Gegeneinanders von Lebensressource und Triumph des Ichs. Nicht ohne Grund ist die Selbstmordrate unter männlichen Jugendlichen die höchste überhaupt.

Unsere eigentliche Reife ist die Harmonisierung von dem was uns möglich ist mit dem was uns zugänglich ist und dies sowohl als Agenten, wie als Ressource des eigenen Lebens. Reife des Lebens bedeutet die Fähigkeit, über den Lebenskontext zu verfügen, ohne ihn zu zerstören. Wenn wir die selbstmörderischen Spitzen der Adoleszenz überleben wollen, müssen wir unseren Lebenskontext verstanden haben, und das heißt, den Lebenskontext nutzen, ihn pflegen und am Leben erhalten aus unserer eigenen schöpferischen Intelligenz heraus in gleichzeitiger Anerkennung der Intelligenz des ausführenden Apparats. Dies ist die Aufgabe, die zu meistern uns als Menschheit als Ganzes jetzt gegenüber steht. Wir müssen „als das alles“ werden in Anerkennung des Universums an Unterstützung in das hinein wir bei unserer Geburt wie an jedem Morgen erwachen.